Thesen zum Lernen im digitalen Wandel

Lisa Rosa hat in ihrem ausführlichen Blog-Artikel im Oktober 2016 gefragt, „Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir?“ Eine große und wichtige Frage, die leider oft hintenüberfällt. Es ist so viel einfacher davon zu berichten, was die nächste heiße App für den Unterricht ist und welche Chancen sie für den jugendnahen Unterricht bietet, meint auch Anselm Sellen. Das nächste Produktivitätstool der web-begeisterten Lehrer bekommt auf Twitter garantiert mehr Likes als unbequeme Fragen zum modernen Wissensbegriff. Aber gerade letzteres hat Lisa Rosa versucht. Sie hinterfragt Sachverhalte und wer ihre Texte kennt, der weiß, dass sie nicht den leichten Weg geht. Letzten Donnerstag hatte ich nun das Vergnügen, einen Vortrag von Lisa Rosa zu hören und anschließend länger mit ihr und Dejan Mihajlović zu reden, weil er sie unter der gleichen Überschrift nach Freiburg eingeladen hatte. Den Vortrag kann man derzeit noch bei Persiscope anschauen (demnächst vielleicht auch bei YouTube), die Präsentation hat Lisa Rosa hier zur Verfügung gestellt. Aber auch andere machen sich ähnliche Gedanken. Beispielsweise hat Philippe Wampfler in der letzten Woche einen #EDchatDE-kritischen Artikel im Freitag veröffentlicht, in dem er ebenfalls grundlegende Bedingungen für digitale Bildung benennt. Axel Krommer hatte sich in der Vorläuferveranstaltung zu Lisa Rosas Vortrag auch kreative Gedanken gemacht: Was kann, soll und muss #DigitaleBildung?  Dominik Schöneberg denkt auf Bildungslücken in eine ähnliche Richtung und erläutert viele problematische Ebenen im Schulsystem. Ich möchte mich nun darin versuchen, diese Quellen zu Thesen zu verdichten, denn sie sind zu wichtig um bei der Diskussion rund um digitale Bildung* oder besser Lernen im digitalen Wandel zu fehlen.

Die digitale Bildung wird der Wirtschaft überlassen, die Bildungsexperten verschlafen sie.

Die Digitalisierung des Unterrichts, der Schule und der Bildung ist mittlerweile in aller Munde. Nicht nur die Politik versucht das Thema werbewirksam zu inszenieren, sondern v.a. die Wirtschaft positioniert sich für die nächsten großen Aufträge. Das ist für Lisa Rosa selbstverständlich, weil Bildung im Kapitalismus eine Ware ist, die konsumiert werden soll. Dementsprechend machen sich wirtschaftsnahe Stiftungen und Konzerne daran, das Bildungssystem nach ihren Vorstellungen zu gestalten – zumal die Bildungsexperten eine große Lücke offen lassen. Politikerinnen und Politiker spielten in diesem Machtspiel schon immer mit und das kann man meiner Meinung nach auch aktuell im medienwirksamen Wirbel um die Platine „Calliope Mini“ beobachten. Angeblich sollen alle Schülerinnen und Schüler in der Grundschule einen solchen Calliope Mini bekommen und darauf Programmieren lernen. Dahinter stehen finanzstarke Investoren wie Google, Bosch und Cornelsen. Das ist auch notwendig, denn die Finanzierung ist mehr als fraglich, obwohl hochrangige Politikerinnen und Politiker sich mit dem Programmierzwerg ablichten ließen. Die Begeisterung ist groß:

In Fachkreisen wird schon geraunt, der Calliope mini könne das Schulsystem revolutionieren (Andreas Fasel).

In dieser Äußerung wird deutlich, wie technikfokussiert Bildung oftmals verhandelt wird. Dass fast nur begeisterte Stimmen zu hören sind und vielerorts von Revolution die Rede ist, spricht eine deutliche Sprache (Ausnahmen bestätigen die Regel). Ein Gerät könne begleitet durch Unterrichtsmaterialien zum Programmieren das Schulsystem grundlegend verbessern? Selbst wenn viele der mit dem Calliope zusammen gedachten Unterrichtsszenarien umgesetzt würden (und einige Ideen klingen wirklich spannend): Wer sich so die zentralen Weichenstellungen für ein zukunftsfähiges Bildungssystem vorstellt, verpasst möglicherweise den Kern dessen, worum es bei der Digitalisierung der Bildung geht. Denn die Frage, ob das Programmieren wirklich eine Grundfertigkeit sein wird, die wir in Zukunft alle brauchen werden, ist doch mehr als fraglich. So stellt Andreas Schleicher in einem lesenswerten Streitgespräch gar die Behauptung auf:

Niemand kann sagen, ob es Programmierung in 20 Jahren überhaupt noch gibt.

Der Calliope Mini ist für mich hier nur ein Beispiel dafür, wie kritische Fragen im digitalen Bildungsdiskurs gar nicht erst gestellt werden wenn Wirtschaft und Politik Hand in Hand digitale Bildung anpacken.

Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass es Lisa Rosa nicht darum geht, den Einfluss der Wirtschaft per se zu verteufeln. Wirtschaft verstanden als Teil von Kultur hat natürlich ihre Berechtigung im System Schule. Worum es ihr allerdings geht und das halte ich für richtig: Die Wirtschaft beeinflusst unter dem Schlagwort digitale Bildung den Diskurs darüber, welchen Bildungsbegriff wir für richtig halten und welche Bildungsziele wir verfolgen. Bücher und Internetseiten werden veröffentlicht, Konferenzen geprägt und Lobbyarbeit betrieben. Die eigentlichen Bildungsexperten schaffen es im Gros nämlich wie gesagt kaum, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln und politisch durchzusetzen. Es ist nicht schwer, darin eine Hegemonie zu erkennen, in der der Kapitalismus Macht ausübt, aus dem dann z.B. Sichtweisen stammen wie, man müsse die Effizienz der Schule steigern oder Schülerinnen und Schüler müssten schon nach acht Jahren Abitur machen. Gleiches gilt für das Programmieren im Grundschulalter. Pädagogisch und bildungswissenschaftlich wurde das im Diskurs quasi nicht begründet. Die Zukunft des Arbeitsmarktes genügt der Allgemeinheit als Argument. Wie schlecht sich der Calliope Mini selbst legitimiert („5 Gründe, warum Kinder programmieren sollten„), interessiert dann auch keinen mehr:

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Na dann! Wenn die logische Begründung digitaler Bildung so dilettantisch (und im modernen Look) durchgeführt wird und vielleicht gerade deswegen legitim ist, gilt es umso mehr darüber zu diskutieren, inwiefern wir Konzernen und deren Stiftungen im Bereich bildungswissenschaftlicher und -systemischer Weichenstellungen eine solch zentrale Rolle zugestehen wollen.

Der digitale Wandel ist mehr als ein Wandel der Technik. oder: Die Tools der digitalen Bildung basieren auf einem alten Wissensbegriff.

Wenn es um digitale Bildung geht sind die Tools, die Geräte und Apps oft das, worauf es den Lehrerinnen und Lehrern in aller erster Linie ankommt. Ich selbst gebe ja zu, dass von ihnen eine enorme Anziehungskraft ausgeht. Technik begeistert. Wer sucht nicht nach Möglichkeiten, den Unterricht schülernäher und zeitgemäßer zu gestalten? Digitale Medien scheinen sich dafür per se zu eigenen. Doch in vielen Fällen bleibt der Fokus auf der Technik stehen und hier wird es problematisch. Viele Debatten verlaufen immer wieder in Fragen nach iPad-Klassen versus BYOD oder WLAN-Ausstattung versus Handy-Verbot im Sande. Natürlich sind solche Fragen wichtig. In der Diskussion nach Lisa Rosas Vortrag wurde beispielsweise der Technologie-Fokus auf Produkte von Apple beklagt, der im Bildungsbereich um sich greift. Aber auch Google, Microsoft und andere Player geben sich natürlich Mühe, ihr Stück Kuchen vom Bildungsmarkt abzubekommen. Dies gilt es weiterhin kritisch zu hinterfragen, denn man stellt sich ja nicht einfach eine Technik in die Schule, sondern man „kauft“ immer auch ein ganzes Ökosystem an in Apps getarnten Bildungsvorstellungen dazu (Sollte die Bildungspolitik nicht beispielsweise viel mehr Geld in die Hand nehmen, um offene OpenSource-Lösungen und -Apps zu fördern?). Problematisch ist vielmehr, dass die Medienkonzepte meist hinter einer solchen oberflächlichen Technikdebatte zurückbleiben.

Hinzu kommt, dass digitales Lernen oft synonym als individuelles Lernen verstanden wird, nur weil doch alle Lernenden Aufgaben gemäß ihrem Leistungsstand und ihrem Lerntempo bearbeiten könnten (neuerdings auch visualisiert und individuell inklusiv wie bei Ivi-Education). Diese Verwendung des Begriffs der Individualisierung ist absichtlich verkürzt. Oft werden nämlich die individuellen Fragen und Interessen innerhalb des Lernprozesses sowohl am Anfang (Welche Fragen interessieren die Individuen?), in der Mitte (Wie wollen die Individuen arbeiten?) als auch am Ende (Welche Lernprodukte wollen die Individuen erstellen?) einfach vernachlässigt. Heraus kommt dabei ein digitaler Unterricht, der die Selbstständigkeit der Lernenden in enge Vorschriften zwängt. Hingegen würde echte Individualisierung  möglichst viele Phasen des Unterrichts einbeziehen. Solange das nicht umgesetzt wird und alle weiterhin auf standardisierte Ziele hinarbeiten dient der Begriff der digitalen Individualisierung vor allem der Legitimierung des Einsatzes digitaler Technik. Diese Gefahr besteht meiner Meinung nach auch beim momentan sehr angesagten Modell des Flipped Classroom („Become part of a movement!„). Vom Lehrenden aufgenommene Videos, die die Lernenden bereits als Vorbereitung erarbeitet haben, werden im Unterricht dann „nur noch“ diskutiert – quasi wie vorbereitende Hausaufgaben. Axel Krommer sieht zumindest für den Deutschunterricht ein Problem darin, dass in den schicken, geflippten YouTube-Videos in erster Linie alter Unterricht aufgenommen und konserviert wird, Videos ersetzen traditionelle Hausaufgaben.

Lisa Rosa fasst zusammen: Die Digitalisierung darf nicht nur als technologischer Wandel verstanden werden. Sie verändert, und ja sie revolutioniert nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche, von der Finanzökonomie bis zur privaten Kommunikation. Und ja, auch die Bildung und das Lernen. Die Masse an Informationen, zu denen Schülerinnen und Schüler heute Zugang per Touch und Mausklick haben, macht das Hinterfragen von Quellen zu einem Kern medienkompetenter Menschen und das World Wide Web ist voller neuer, globaler Kommunikationsformen und -möglichkeiten. Wenn nun Schule aber zu weiten Teilen auf alten Lernvorstellungen und althergebrachten Methoden und Zielen im Gewand neuer Medien beruht, dann verfehlt das System seine Aufgaben ganz gewaltig.

Dies lässt sich an einigen Tools der digitalen Bildung veranschaulichen. Aktuell greifen nämlich die Toolifizierung und die Quizifizierung des Unterrichts um sich. Gamification heißt ein weiteres Stichwort, das in aller Munde ist. Kahoot! („Making Learning Awesome!“) lässt sich von Tagungen zum Thema digitale Bildung nicht mehr wegdenken und zwischendurch knabbert man noch an ein paar Learningsnacks, „kleine leicht verdauliche Wissenshäppchen.“ Die Begründung lautet oft: Es macht den Lernenden Spaß oder es sei effektiver. Lisa Rosa beschreibt nun, dass sich hinter solchen Tools und Befragungspraktiken ein Wissensbegriff versteckt, der schon seit Jahrzehnten in der Wissenschaft nicht mehr aktuell ist. Auch Axel Krommer macht dies mit einem selbst erstellten Video deutlich, in dem er die Vorstellung des behavioristischen Lernens auf einer weiteren verbreiteten Plattform namens LearningApps kritisiert.

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Die LearningApp Instrumentenzuordnung

Wissen wird in solchen Tools verwechselt mit Information, die ins Gehirn hinein muss und die man anschließend überprüfen kann. Der Behaviorismus und die Konditionierung stehen Pate wenn das Wahre einfach vom Unwahren getrennt wird. So einfach macht man sich die Welt, auch wenn das in heutiger Wissenschaft und in Zeiten von FakeNews schlicht nicht haltbar ist. Dass Wissen auch immer an Erfahrungswissen und explizites Wissen geknüpft ist, so wie es ein aktueller Wissensbegriff vertritt, wird dabei übersehen.

Selbst die Forderungen nach einem wie auch immer festgelegten „Basiswissen“ oder eines Kanons in Form von Kenntnissen wird mit der Digitalisierung immer fragwürdiger, denn was soll das sein? Zwar lassen die kompetenzorientierten Lehrpläne eigentlich viel Spielraum für Unterricht abseits von Informationsabfragen, doch die eingesetzten Tools sind auf das Verstehen von Kontexten und Bedeutungen in den aller meisten Fällen nicht ausgelegt (Natürlich mag es auch Lernszenarieren geben, in denen Kahoot, LearningApps und Learningssnacks Sinn machen, wie z.B. beim Vokalbellernen – es geht aber bei dieser Zuspitzung um die Tendenz der Tools). Der Kompetenzbegriff verkommt dabei zu einem unwissenschaftlichen Kompetenzbegriff. Für Weinert sind Kompetenzen eigentlich die

bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können (Weinert 2001: Leistungsmessungen in Schulen. Weinheim und Basel: 27 f.)

Im Schulsystem müssen Kompetenzen jedoch, und das widerspricht Weinerts Kompetenzbegriff im Kern, überprüfbar sein. Lernen wird in Wissens- und Kompetenzstadien unterteilt und das Gelernte wird – und mit Tools und Apps macht das viel mehr Spaß – überprüfbar gemacht, obwohl das mit den genannten Bereitschaften gar nicht machbar geschweige denn sinnvoll ist. Das heiß diskutierte Learn-Tracking kopiert diese veraltete Vorstellung dann einfach weiter ins digitale Zeitalter und die Welt von Big Data: Eine Überwachung mit Kamera und Tablet vermeintlich aller Lernfortschritte der Lernenden. Was uns damit als moderne und kompetenzorientierte Bildung verkauft wird, ist eher Rückschritt als Fortschritt. Learning wird einfach ein ‚e‘ vorgesetzt.

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(kopiert von Axel Krommer)

Ein aktuelles Verständnis von dem, was Lernen ist, wird dabei viel zu oft ignoriert. Es  entzieht sich nämlich zu weiten Teilen jeder Überprüfbarkeit. Bezeichnenderweise ist ein Video von der Villa Wewersbusch, das Lisa Rosa in ihrem Vortrag ausschnittsweise gezeigt hatte, anschließend aus dem Netz genommen worden. Das Video aus dem Internat, das sich als digitale Apple-Pionierschule zu profilieren versucht, zeigte einen digitalen Unterricht mit iPads zum Thema Demokratie, der mit einer Kahoot!-Befragung und anderen digitalen Medien begann. Lisa Rosa ließ die Zuhörer ihres Vortrags darüber diskutieren, ob es sich dabei um einen gewinnbringenden Einstieg in die spannende Thematik handele. Sicherlich nicht, war die einhellige Antwort bezogen auf den kurzen Ausschnitt. Ein zielführender, aktivierender Stundenbeginn sieht anders aus auch wenn die Schülerinnen und Schüler brav ihre Fragen beantworten. Eigene Fragen entwickeln, eigene Erfahrungen einbringen oder auch ein problematisierender oder irritierender Input wären spontan einige Ideen, wie man es hätte besser machen können. Warum werden diese Tools dann trotzdem so begeistert eingesetzt und wie in einem solchen Video beworben?

Es gibt wenig konstruktiven Umgang mit Kritik im Bildungssystem.

Genausowenig wie alle der genannten Tools generell zu verteufeln sind, so sind natürlich auch nicht alle Lehrerinnen und Lehrer über einen Kamm zu scheren – natürlich! Trotzdem wage ich mich mit der These mal weit aus dem Fenster, denn der #EDchatDE bietet aktuell unfreiwillig ein Indiz dafür, dass der Umgang mit Kritik weiterhin eine große Baustelle im Bildungssystem ist. Was war passiert? Die Digitalisierung hat die Kommunikation verändert und so haben sich auch neue Formen des Austausches über Bildungsfragen entwickelt. Im deutschprachigen Raum ist der #EDchatDE wohl eine der am weitesten verbreitete Community, die sich jeden Dienstag Abend auf Twitter trifft – ich selbst habe darüber viel Spannendes gelernt. Nun zeigt sich aktuell jedoch – Auslöser war ein Buch über den Chat -, dass der Umgang mit sachlicher Kritik an Grundprinzipien des Formats von den Initiatoren nicht angemessen aufgenommen wurde. Einer der Hauptkritiker, Philippe Wampfler, hat dies in einem Freitag-Artikel ausgeführt. Seine anfängliche Rezension des Buches findet sich hier und in einem Video bringt er seine Vorstellung vom kritischen Denken folgendermaßen auf den Punkt:

Kritisches Denken, das geht gar nicht, wenn ich mich nicht reibe mit anderen Leuten, wenn ich nicht bereit bin, meine Standpunkte transparent zu machen, sie zu überdenken, sie zu überarbeiten.

Lehrpersonen sind nun in vielen Fällen alles andere als wirklich kritikfähig, mich selbst eingeschlossen. Das liegt natürlich einerseits an unserer Position in einem Schulsystem, das keine wirkliche Feedback-, Supervisions- und Fehlerkultur vorsieht. Dass Lehrpersonen häufig zwischen den widersprüchlichen Rollen des Helfenden und des Benotenden hin und her springen müssen, erschwert den positiven Umgang mit Kritik an uns Lehrenden ebenfalls. Zugleich üben wir aber natürlich die ganze Zeit Kritik an den Lernenden. Auch im bestehenden Schulsystem haben wir aber durchaus viele Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen und auf ihre Kritik und auch auf die Kritik von Kolleginnen und Kollegen einzugehen. Wir müssen es sogar tun und die Strukturen müssten das per default ermöglichen. Das Beispiel des #EDchatDE zeigt, dass sich zwar viele zu einer solchen umfassenden Kritikfähigkeit bekennen (die 4K waren auch Gegenstand eines #EDchatDE) aber sie nicht verinnerlichen. Übertragen auf die Schule wird Kritik immer noch mit Schwäche assoziiert anstatt sie konstruktiv einzusetzen. Warum ein Umdenken gerade in diesem Punkt im digitalen Zeitalter jedoch immer wichtiger werden wird, verraten auch die 4K.

Für eine Orientierung an den 4K braucht es grundlegende Änderungen im Schulsystem und ein Umdenken.

Die von Andreas Schleicher aufgestellten 4K (Kommunikation, Kreativität, Kollaboration und Kritisches Denken) sind ein wichtiger Bezugspunkt für alle, die über Bildung im 21. Jahrhundert nachdenken. In Philippe Wampflers Worten:

Digitale Medien werden hier als Mittel zu einem neuen Lernen begriffen. Dieses neue Lernen versteht nur, wer es selbst praktiziert. Die Perspektive der Lernenden ist dabei der Ausgangspunkt. Um tragfähige und umsetzbare Lösungen für konkrete Probleme zu finden, braucht es Kreativität, Kommunikation, Zusammenarbeit – und die Fähigkeit, Kritik als Ressource zu verstehen, nicht als Belastung.

Weiter unten im gleichen Freitag-Artikel nennt Wampfler dann drei Bedingungen für das Gelingen digitaler Bildung. Erstens müsse immer vom persönlichen Lernen ausgegangen werden. Zweitens brauche es dafür diverse und offene Lernumgebungen. Und drittens sollen die Lernenden ihre Lernprozesse selbst bestimmen – echte Individualität eben. Damit rückt eine Handlungs-, Problem- und Projektorientierung in den Fokus, die z.B. in der Geographie-Didaktik vielerorts schon vorgesehen ist aber sich unter den starren Vorgaben kaum entfalten kann. Dominik Schöneberg bringt dieses Missverhältnis zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisstand und der Schulrealität hier auf den Punkt.

Es liegt auf der Hand, dass es grundlegende Reformen im Schulsystem bräuchte, um die 4K und die Forderungen von Wampfler umzusetzen und auf die tiefgreifenden Veränderungen zu reagieren, die mit dem Übergang vom Industrie-Zeitalter ins Digital-Zeitalter verbunden sind. Viele Akteure gehen jedoch den einfacheren, kommerziellen Weg,  die digitale Technik einfach als Vorzeigeprodukte einer modernen Schule darzustellen und das System dahinter eben nicht grundlegend zu verändern. Lisa Rosa, Dejan Mihajlović, Axel Krommer, Dominik Schöneberg, Philippe Wampfler und andere plädieren nun – jetzt, wo sich das Ob der digitalen Bildung zu einem Wie verändert hat – dafür, auf den Ebenen, auf denen man sich befindet – im Unterricht, im Kollegium, in der Schulleitung oder in der Bildungspolitik -, eine grundlegende Umwälzung anzufangen und der Frage nachzugehen, welche digitale Bildung wir wollen. Nur so könnten notwendige Veränderungen wie die Überwindung der Fächergrenzen, mehr Teamarbeit, mehr Problem- und Handlungsorientierung, eine echte Individualisierung des Lernens und ein ständiges Weiterlernen der Lehrenden und Lernenden sicher gestellt werden – und das alles unter den Bedingungen der Digitalisierung. Dass das nicht der leichtere Pfad ist, ist klar. Der Weg bedeutet in vielen Bereichen den Kontrollverlust und das ist es, was vielen Strukturen und Lehrpersonen womöglich am meisten Angst macht. Lernen im Netzwerk anstatt in einer Hierarchie.

Welche „digitale Bildungsrevolution“ wollen wir?

Für Lisa Rosa stehen wir am Scheideweg zwischen dem auf Konditionierung und Behaviorismus beruhenden Lernverständnis eines digitalen Kapitalismus mit seinen Tools und Apps auf der einen und einem emanzipatorischen Lernverständnis in Netzwerken auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz ist bewusst zugespitzt und nicht aufrechtzuerhalten. Es spricht allerdings viel dafür, aktuelle Entwicklungen zum Anlass zu nehmen, sich zwischen diesen Polen über Lernen im digitalen Wandel kritisch und grundlegend auszutauschen.

 

* Mir ist klar, dass der Begriff „digitale Bildung“ nicht sonderlich gelungen ist. Ich spreche lieber von Lernen im digitalen Wandel. Nichtsdestotrotz prägt er (auch als Hashtag #digitaleBildung) den Diskurs und macht kurz und knapp deutlich, um welche Themen es geht.

12 Gedanken zu „Thesen zum Lernen im digitalen Wandel

  1. Danke für deine ausführliche Gedanken, Zusammenfassungen und Weiterführungen.
    Mein erster Gedanke: Führt die Verschränkung von grundlegenden Reformen im Schulsystem/Lernverständnis auf der einen Seite mit der Einführung digitaler Lehr- und Lernmethoden auf der anderen Seite nicht zu einer Überforderung der Lehrkräfte? Ist es nicht erfolgversprechender, wenn ich erst einmal versuche, „das Digitale“ an den Schulen in bestehende Strukturen einzuführen und bei den Kollegen zu sichern, um dann im zweiten Schritt gemeinsam zu überlegen, wie Lernen und Unterricht nun neu gedacht und ausgeführt werden kann?

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  2. Danke für deine Frage. Ich denke, dass man diesen Zwei-Schritt bereits seit einiger Zeit beobachten kann. Erstmal werden Geräte angeschafft und Computerräume gefüllt. Dass die typische Anordnung in den Computerräumen aber unter Umständen gar nicht so förderlich für den Unterricht ist, merkt man dann mittlerweile. Dass man für die Wartung extra Personal bräuchte, ist heute eigentlich auch jeder etwas größeren Schule klar. Ich bin der Meinung, dass gerade die Computerräume ein gutes Beispiel dafür waren, dass bereits bei deinem ersten Schritt, der Einführung „des Digitalen“, viel verkehrt laufen kann, was in keinster Weise dazu führt, dass anschließend über neuen Unterricht gesprochen wird.
    Ich wäre also dafür, das Ganze nicht nacheinander zu denken. Es muss parallel stattfinden, was natürlich viel auf einmal ist – keine Frage. Bei einem Nacheinander wäre doch die Gefahr zu groß, dass man auf der ersten Stufe stehen bliebe und grunsätzliche Fragen verpasst – und die nächsten großen Schritte der Digitalisierung klopfen ja gerade auch schon wieder an.

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  3. Danke für diese Zusammenfassung des Standes der Dinge im digitalen Wandel. Ich möchte mich Florian Emrich anschließen, denn in meinem Alltag in der Lehrerfortbildung und Schulberatung beobachte ich nichts Anderes als eine Art der Überforderung der Lehrkräfte. Der digitale Wandel stellt für Lehrerinnen und Lehrer eine gewaltige Herausforderung dar. Da ist einmal die Seite der Technologie und dann die einer gewandelten Vorstellung von Lernen. Viele Lehrende verstehen ihre Aufgabe noch immer primär als reine Wissensvermittler. Für sie stehen Klassenarbeiten und Lernziele, deren Erreichung dort nachgewiesen werden soll, ganz oben. Zwar nennt man in ihrem Verständnis die Lernziele nun eben einfach nur Kompetenzen, doch im Grunde genommen sind es für sie eben Lernziele geblieben, die man abprüfen kann. Auch wenn die Richtlinien und Lehrpläne von Kompetenzen sprechen, wird in der Art und Weise, wie das System insgesamt aufgestellt ist, ein Korsett geschnürt, welchen den Lehrkräften recht enge Grenzen setzt. Daraus auszubrechen ist nicht einfach. Und auch aus diesem Grund ist es leicht, wenn digitale „Werkzeuge“ dann einfach auch nur Werkzeuge sind, die diesen Zielen dienen.
    Andererseits kann ich Lehrkräfte mit diesem Ansatz deutlich leichter abholen, wo sie stehen, als wenn ich vom digitalen Wandel spreche und den 4K. Von daher gefällt mir ein Ansatz wie das SAMR Modell gut, um Lehrkräften zumindest ein Ahnung zu geben, dass der digitale Wandel eben mehr ist als eine Übersetzung von analog nach digital. Sie verstehen so, dass der digitale Wandel erst einmal ganz einfach beginnen kann, indem man Bewährtes mit digitalen Werkzeugen nachbildet, bevor man dann die nächsten Entwicklungsschritte geht. Dass es im Rahmen dieser Entwicklung nicht einfach nur um den „digitalen Mehrwert“ geht, dafür kann das SAMR Modell leider nur eine Ahnung vermitteln. Solches muss man dann anders erklären.
    Ich merke immer wieder, wie schwierig es ist, Lehrkräften zu vermitteln, dass der digitale Wandel auch bei ihnen persönlich stattfinden muss, dass es eben nicht nur eine neue Unterrichtsmethode ist, die man an ein paar Nachmittagen lernen kann, sondern ein Wandel im Selbstverständnis hin zum Lernenden, der das vorlebt, was das Lernen der Schüler ausmachen sollte. In Kollegien schaffen es meist nur wenige, sich auf den Weg zu machen. Die Mehrheit bleibt in ihren Zwängen und bewährten Verhaltensmustern verhaftet. Dazu kommt noch, dass die Belastungen durch Arbeitsalltag und Familie oft keinen Raum lassen für mehr. Um da weiter zu kommen, bräuchte es wirklich sehr grundlegende Reformen im Bildungssystem. Da mit diesen auf absehbare Zeit leider nicht zu rechnen ist, bleibt mir in meinem Arbeitsalltag nichts, als die Schulen ganz kleinschrittig und mit dem Blick vor allem auf die unmittelbare Zukunft gerichtet und gelegentlichen Blicken auf den Horizont mit den vier (K)Gipfeln langsam auf den Weg zu bringen.

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    1. Danke für diese ausführliche und wichtige Ergänzung mit deinen Beobachtungen. Die Diskussion auf Twitter zu diesem und anderen Artikeln hat genau die von dir beschriebenen Pole gezeigt: Auf der einen Seite die Lehrpersonen, die mit zu wenig Zeit und den Vorgaben argumentieren: „Ich würde gerne meinen Unterricht grundlegender ändern“ oder „Immerhin mache ich etwas mit digitalen Medien“. Und auf der anderen Seite diejenigen, die von Anfang an 4K und einen neuen Wissensbegriff umgesetzt wissen wollen. Vielleicht sind es einfach Realisten und Idealisten?
      Wie hilfreich das SAMR-Modell beim Verbinden dieser Pole sein könnte (danke für den Hinweis, kannte ich noch nicht)! Ganz weit entfernt sind die Positionen im Einzelnen ja vielleicht selten. Vielleicht offenbaren sich darin aber auch zwei nur schwerlich miteinander vereinbare Lernparadigmen, die auch auf Dauer existieren werden.
      Gleichzeitig ist es umso ernüchternder, wie dein Urteil über die Reformfähigkeit des Bildungssystem nachhallt und Veränderungen strukturell erschwert werden. Welche Reformen wären deiner Meinung nach am brennensten?

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    2. Ich sehe nun aber auch – nach einer etwas ausführlicheren Beschäftigung mit dem SAMR-Modell -, dass das Modell seine Grenzen hat im Hinblick auf eine grundlegende Veränderung. So hast du es ja auch angedeutet. Auf der Seite der Uni Paderborn wird das aus Formulierungen detulich, wie „Vorzüge digitaler Werkzeuge näherzubringen“, „durch technische Hilfsmittel verbessert“ und Änderungen nur „bei Bedarf“. Nichtsdestotrotz – eine sehr gute Diskussionsgrundlage zum kritischen Weiterdenken. Wie würdest du die Grenzen vom SAMR-Modell beschreiben?

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      1. Das SAMR Modell hat durchaus Nutzen, da es Lehrkräften verdeutlichen kann, wie sie ihren Technikeinsatz im Unterricht weiterentwickeln können, um Beschränkungen herkömmlichen Unterrichtens zu überwinden. Da das Modell jedoch den Fokus auf die Lehrenden legt, hat es auch genau hier seine Grenzen. Im Gegensatz dazu liegt der Schwerpunkt beim 4K Modell auf den Lernenden, um die es in Schule primär geht. Die 4K funktionieren am besten, wenn Lernende eine größere Autonomie erhalten, ihre Lernprozesse zu gestalten. Das geht, wenn man auf das SAMR Modell schaut, am besten, wenn Lehrer digitale Technologie so einsetzen, dass Lernende dabei einen großen Freiheitsgrad in der Auseinandersetzung mit einer Problemstellung erhalten und das wäre bei der Redefinition am ehesten der Fall (siehe auch die Grafik http://sgo2016.pbworks.com/f/1489315081/SAMR%2BUnterricht.png).

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  4. Da muss ich natürlich auf die Ideen/Kritik vom Flipped Classroom eingehen. Auch wir entwickeln uns weiter. Bestimmt ist die erste Phase des Flip so wie von Dir beschrieben. Man ersetzt etwas Bekanntes (den Lehrervortrag) durch ein Video und ändert erst einmal nicht so viel am Unterricht. Außer, dass mehr Zeit bleibt, um vertieft auf Aufgaben einzugehen, die man sonst nicht hatte. Für die Schüler bleibt der Mehrwert des mobilen Lernens. Überall, jederzeit und beliebig oft ist dieser Input wiederholbar.
    In einer Weiterentwicklung überlegt man sich, wann ein Input in einer Sequenz notwendig ist und setzt in auch an diese Stelle. Das Video nicht als Vorbereitung auf etwas, sondern auch im Unterricht, zur Nachbereitung… Ich gebe so einen Rahmen für den Unterricht vor, der beinahe in Lernbüros endet. (Wenn es nicht so umständlich wäre, 31 mal 8 Arbeiten für jeden zu erstellen könnte man daraus schnell ein mastery learning machen.
    Das alles gibt einen Rahmen zum SelbstLernen vor, der es ermöglicht innerhalb dieses Konzepts weiter zu denken und zu arbeiten: Eigenrecherche von Hilfsmaterialien im Netz mit anschließender Diskussion und Reflexion über Material im Internet, Schülermaterial erstellen lassen zu einem Thema Ihrer Wahl, via kollaborativen Tools in Kommunikation treten, sich Zeit für aufwändige Erarbeitungen nehmen (das das Wort Individualisierung ernst nimmt), und auch Tools verwenden, wenn es der Schüler passend zu seinem Thema findet: Vor allem aber, die Kommunikation hochhalten, die Arbeitsbereitschaft hoch halten in einem Fach wie Mathe.
    Denn ehrlich gesagt, ich finde in Religion und Geschichte, etc. grandiose Möglichkeiten 4K einzubringen. Da macht mir mittlerweile ein vorbereiteter Unterricht gar keinen Spaß mehr, Selbstlernprozesse der Schüler sind viel gewinnbringender (und kommen auch dem vielzitierten 4K näher). In Mathe bei der Höhe im gleichschenkligen Dreieck oder dem Lösen von trigonometrischen Gleichungen,… um dieses Wissen zu erhalten, kann ich nicht nach dem 4K Modell vorgehen. Vor allem nicht bei der Fülle an Lehrplaninhalten. Da ist der erste Schritt das Selbstständige Arbeiten und dann die Individualisierung (die häufig eine Mischung aus individuell und selbstorganisiert ist, obwohl es nicht sein sollte – gebe ich Dir Recht)
    Ich arbeite nun seit vier Jahren sehr freiheitsliebend und hänge das Wort Demokratisierung sehr hoch. Ich versuche mich immer mehr heraus zu nehmen und dafür mehr die Schüler in den Mittelpunkt zu stellen. Mit teilweise negativen Folgen. Freiheit über einen langen Zeitraum bedeutet bei manchen schülern: „Geil, chillen“. Hier können die Materialien noch so motivierend sein, sie sind ganz entspannt und relaxt beim Nichts-Tun. Diese Freiheit und demokratie führt dann dazu, dass die guten besser werden und die Fauleren schlechter.
    Bei der ganzen 4K-Diskussion stört mich, dass sie (noch) nicht für den Unterricht in allen Klassen geeignet ist. Bei den Beispielen die ich lese habe ich immer das Gefühl, es ist für die Leistungskurse (gibts die noch?) in der gymnasialen Pberstufe konzipiert. 4K in der Realschule in Klassen 6 bis 9 kann höchstens angeleitet/ angeregt werden. Wenn ich aber nicht gelegentlich Disziplin einfordere, würde mir das Ganze so entgleiten, dass wichtige Inhalte am Ende nicht präsent wären. Das führt mich dann zum differenzierten Arbeiten: wer dazu bereit ist, kann offene Aufgaben/projekte bearbeiten, während die anderen Allgorithmen lösen.
    Falls noch nicht gesehen, hier erzähle ich von meinem Unterricht. https://www.youtube.com/watch?v=RhmorpXBU8o&index=2&list=PLBCrp2VsCcpNWDpRBLznqChvD8Uy58cVN Das ist nicht 4K, aber im Fach Mathematik die für mich momentan die einzige Möglichkeit ganzheitlich den Unterricht schülerzentriert gestalten. Wenn man an 4K denkt, sollte man nicht nur an ein Projekt oder eine Unterrichtsstunde im Jahr denken, sondern es sollte den ganzen Unterricht betreffen.

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    1. Danke, Sebastian, für deine Erläuterungen zu Flipped Classroom und wie du ihn heute praktizierst. Mir gefällt es sehr gut, wie du deinen Unterricht ständig kritisch hinterfragst und weiter entwickelst. Neben deinem genannten Video zeugen ja auch die Vor- und Nachteile von Flipped Classroom, die auf dem #molol17 in deinem Workshop entwickelt wurden, davon. Und viel 4K sehe ich auch in deinen Erläuterungen.
      Ich würde gerne auf ein paar von dir genannte Aspekte eingehen und dich auch als Mathe-Experten fragen:
      1. Du hast ja geschrieben, dass sich der Mathe-Unterricht deiner Meinung nach nicht genauso eignet für 4K wie andere Fächer. Ich kann mir jedoch durchaus vorstellen, dass der Mathe-Unterricht in Zukunft von Grund auf nach den 4K funktionieren könnte. Gerade die Mathematik wird doch durch die Digitalisierung total auf den Kopf gestellt. Ob nun Taschenrechner oder Apps zum Rechnen, wer diese Möglichkeiten in Zukunft sinnvoll nutzen möchte, muss doch in aller erster Linie kritisches und medienkompetentes Denken beherrschen. Man male sich nur mal aus, wie demnächst mit Wearables oder Implantaten (oder was auch immer) Chips das eigentliche Rechnen noch stärker als heute übernehmen werden. Das müsste in der Mathematik-Didaktik doch zwangsläufig dazu führen, dass das kognitive Wissen abgespeckt wird und eben durch 4K ersetzt wird. Wird so was diskutiert? Was wäre dann noch ein „mathematisches Basiswissen“, das alle Lernenden bräuchten? In fächerübergreifenden Lern-Szenarien kann ich mir ebenfalls gut vorstellen, dass das Mathe-Lernen sich als ein Bestandteil von vielen verstärkt in 4K integrieren ließe – vielleicht auch mit höherer Motivation und Handlungsorientierung.
      2. Du sagst selbst: „Diese Freiheit und demokratie führt dann dazu, dass die guten besser werden und die Fauleren schlechter.“ Besteht beim Flipped Classroom nicht noch eher als beim ungeflipped Unterricht die Gefahr, dass sich die Herkunft der SuS in einer größeren Schere äußert? Wie sind da deine Erfahrungen? Gibt es Studien dazu? Mir würde es einleuchten, dass SuS, die zu Hause den entsprechenden Rückhalt und Rückzugsort haben, bzw. die sich in den Lernzeiten in der Schule besser organisieren können, dass diese SuS sich auch gut auf Flipped Classroom einrichten können. Andere SuS werden dadurch eher noch weiter abgehängt, weil der vorbereitende Teil des Lernens, der Voraussetzung für das Weiterdenken in der Präsenzzeit ist, nur schwer von der Lehrperson beeinflusst werden kann. Deine Experimente mit Fragen innerhalb der Videos weisen ja vielleicht auch daraufhin, dass hier eine Schwierigkeit des Flipped Classrooms besteht?
      3. Das hängt eng zusammen mit der aufgeworfenen Feststellung zusammen, dass nicht alle SuS gleichermaßen mit 4K-Unterricht umgehen könnten. Genauso wie selbstständiges Arbeiten gelernt werden will, müssen natürlich auch 4K gelernt werden. Ich weiß selbst von meiner Frau, wie abgehoben solche Diskussionen manchmal wirken, wenn man z.B. an ihre Förderschule schaut. Ich frage mich deshalb vielmehr: Was passiert mit Lernenden, die nicht bestmöglich im Sinne der 4K gefördert wurden? Welche Jobs werden sie bei aller Automatisierung noch bekommen? Wie werden sie sich kritisch eine Meinung in den Medien holen?

      Du siehst, ich habe vom aktuellen Stand in der Mathe-Didaktik keine Ahnung. Umso mehr würde mich deine Einschätzung interessieren.

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      1. Das ist ja so eine Krux, der aktuelle Stand der Mathe-Didaktik. Frag da mal 10 verschiedene Didaktiker, da liegt der Schwerpunkt 5 mal anders. Mit neuen Medien scheint mir noch kaum ein denken statt gefunden zu haben. Daher bin ich da leider auch kein großer Experte, ich kann nicht für die Mathe-Didaktik sprechen.
        Spannend ist es aber allemal, was Du in 1) beschreibst. genau da muss der Mathematikunterricht hin, vernetzt bin dem Fach IT und vielleicht sogar Religion (moralische Aspekte eines Allgorithmus). Anknüpfungspunkte gäbe es genug. Allein der Lehrplan ist dafür nicht vorgesehen. Wir bringen Ihnen rechnen bei. Echte Mathematik oft Fehlanzeige und dann außerplanmäßig. Gleichzeitig schimpfen die Professoren an den Unis, dass wegen der Kompetenzorientierung viele Studenten die leichtesten Formeln nicht mehr beherrschen. Daher orientiere ich mich aktuell einfach an meinen Rahmenbedingungen und versuche das Beste daraus herauszuholen. In Bayern (Realschule) haben wir Gott sei Dank das Fach IT. Da sind solche Themen wie Coding, Programmieren, Wearables (Sinn und Unsinn), gläserner Mensch eher verortet.und wichtig! Der Marchtaler Plan geht da deutlich weiter und vernetzt wissen und Fächer miteinander. Reformpädagogische Schulen haben sich darüber auch Gedanken gemacht. Der weg sollte dorthin gehen. Nur hilft es dabei nicht neben den 4Ks und einem Freiheitsbegriff Dinge wie Disziplin und Wissen zu vernachlässigen.
        2. Tatsächlich ist es so, dass bildungsfernere Familien weniger Wert auf Betreuung und Kontrolle der Hausaufgaben legen und damit auch die Videos weniger angeschaut werden. Aber, ich habe einen deutlich höheren Prozentsatz bei den Schwächeren, die sich damit auf den Unterricht vorbereiten. Das Gefälle bleibt trotzdem noch bestehen, keine Frage. Nur äußert sich das nicht mehr in schlechteren Noten. Da alle im Unterricht üben, anwenden, transferieren, entdecken… müssen, ist die wertvolle Phase von allen besser genutzt. Das Gefälle war deutlich größer, als die Vertiefung in den Hausaufgaben statt fand. Nur den „Input“ zu verpassen ist nicht so schlimm, wie die wichtige „Übung“ zu verpassen. Das Problem ist für mich nicht behoben, aber verbessert. Außerdem MÜSSEN die Schüler, die Inhalte verpasst haben, dann mit anderen kommunizieren beginnen, sich selbst um Ihren Input kümmern. Ich kann Lernpaare zusammen bringen, mit denen ich Rückstände verringere. Durch die Rolle als Pädagoge habe ich jetzt ja Zeit, Feedback zu geben und Lernfortschritt zu beobachten und zu kommentieren. Die Experimente mit interaktiven Videos betreffen eher die Gesamtheit der Schüler. Die Fähigkeit, und Disziplin ein Video so aufmerksam anzusehen wie wir Lehrer das gerne hätten, fehlt oft in Gänze (genauso wie es wahrscheinlich immer schwieriger ist, eine Ansage im Klassenzimmer zu machen, die jeder mitbekommt).
        3. Wichtige Frage. Deshalb ist 4K auch so wichtig, wenn wir mündige Bürger heran ziehen wollen. Deshalb muss sich hier hinsichtlich der Lehrpläne eigentlich dramatisch etwas ändern, um arbeitsrelevante Kompetenzen zu erhalten. Solange sind mir 4S (mit einem Augenzwinkern) lieber: Schülerzentrierung, Sozial, Selbstbefähigung, Spaß. Erst wenn ich gleichberechtigtes und selbstständiges Arbeiten in einer für die meisten angenehmen lernumgebung geschaffen habe, kann ich auch 4Ks umsetzen. Dazu müssen die schüler aber erst einmal Verantwortung im Unterricht übernehmen und der Lehrer einen Rollenwechsel vollziehen.

        Du siehst, ich tapse auch ziemlich im Dunkeln, was 4K im matheunterricht ist/ werden soll. Für mich ist es ein Buzz-Word, das zu hoch greift. Aber ich lasse mich gerne mit Beispielen anleiten, etwas zu ändern. 🙂 Danke für Deinen Input!!!

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  5. Ich schließe mich den Danksagungen für die Zusammenführung der Diskussion um digitale Bildung an. Inhaltlich bin ich allerdings teilweise anderer Auffassung als meine Vorkommentatoren. Die vom florianemrich vermutete Überforderung machen sich die Lehrpersonen z.T. selbst, indem sie meinen, so weitreichende Veränderungen wie das „neue Lernen“, das für viele offenbar den Kern der Verheißung digitaler Medien bildet, allein stemmen zu wollen. Wer aber Kompetenzen systematisch aufbauen will, kann das nur im Team, wer sich anschickt eine neue Lernkultur zu etablieren, muss sich dabei (wenigstens) auf vom (betroffenen Teil-)Kollegium getragene gemeinsame Zielvorstellungen stützen können, und auf eine Schulführung, die an deren Umsetzung aktiv mitwirkt (z.B. durch geeignete Vergabe von Ressourcen). Alles andere wäre m.E. eine Verkehrung von Zweck und Mittel. Damit sei nicht gesagt, dass das Experimentieren mit digitalen Medien im eigenen Unterricht sinnlos ist, wohl aber die Vorstellung, man könnte mit Hilfe dieser Medien gleichsam graswurzelartig eine neue Lernkultur etablieren. Kulturelle Veränderungen in Schule sind nun mal der Mitwirkung des Kollegiums bedürfende Führungsaufgaben.
    Und es stimmt – zumindest nach meiner Erfahrung – nicht, dass Schulen bei der Entwicklung und Umsetzung solcher Zielvorstellungen gehindert würden. Ich beobachte eher, dass Schulen innerhalb kultusministerialer Rahmenvorgaben ihre Entwicklungsziele selbst bestimmen und umsetzen können (in BaWü heißt das OES, operativ eigenständige Schule, Ähnliches kenne ich aber auch aus anderen Bundesländern). Was da als Korsett empfunden wird (s.o. bei damianduchamps), dürfte eher der Widerstand sein, auf den die einzelkämpfende Lehrperson aus bereits genannten Gründen stößt. Die Kultusverwaltungen fordern und unterstützen sowohl den vermehrten Einsatz digitaler Medien als auch die Entwicklung stärker lernerzentrierter Lernformen, wenn vielleicht auch gerade im Zusammenwirken dieser beiden Entwicklungsziele – Experten für selbstgesteuertes Lernen erlebe ich häufig „digital unterbelichtet“ und umgekehrt – nicht immer in tauglicher Weise. Auch wenn es Reformbedarf im Schulsystem geben mag, so schließt das nicht aus, dass bei klug koordiniertem Vorgehen Fortschritte in Richtung auf 4K-Lernen möglich sind.

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    1. Auch deine Argumente kann ich gut nachvollziehen. Wie kann so ein „klug koordiniertes Vorgehen“ einer Schule denn deiner Meinung nach konkret aussehen? Kennst du Beispielschulen (in BaWü), bei denen man solche Fortschritte beobachten kann? Wie sieht eine „geeignete Vergabe von Ressourcen“ aus? Ich habe selbst erlebt, wie viel „innerschulische Reform“ im bestehenden System möglich ist, wenn die Schulleitung und motivierte Kolleginnen und Kollegen gemeinsame Ziele verfolgen. Daher interessieren mich deine konkreten Vorschläge in Richtung 4K (auch wenn letztlich jede Schule individuell handeln muss).

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