Tablets im Prüfungsmodus als zeitgemäße Prüfungsformate?

Niedersachsen gibt sich gerade ganz modern und denkt darüber nach, Tablets in Prüfungssituationen der Schule einzusetzen. Zulassen möchte die Kultusministerin Frauke Heiligenstadt die digitalen Endgeräte während Klausuren, um die Funktionen von Taschenrechnern, Formelsammlungen und Wörterbüchern nun auch digital nutzbar zu machen. Der Vorstoß klingt zunächst modern und zeitgemäß, Heiligenstadt selbst bezeichnet Niedersachsen gar als Vorreiter in dieser Sache. Und auch die Bedenkenträger melden sich zuverlässig mit den immer gleichen Argumenten zu Wort. Insgesamt zeigt die Diskussion über Tablets bei Prüfungen jedoch unfreiwillig, in welchem Dilemma das Schulsystem mit seinen Prüfungen steckt. Es ist Zeit, über zeitgemäße Prüfungsformate nachzudenken.

Viele Prüfungen

Der Unterricht soll immer digitaler werden – das ist zumindest von immer mehr Akteuren zu hören. Die Lernenden sollen im Internet recherchieren, Quellen bewerten, kritisch Denken lernen, kollaborative digitale Werkzeuge nutzen, kreative Produkte erstellen, und und und. Heiligenstadt selbst spricht davon, dass sich „Lehr- und Lernkultur an unseren Schulen nachhaltig verändern“ werden. Im Schulalltag stößt das Lernen dieser neuen Kompetenzen aber immer wieder an seine Grenzen – nichtzuletzt weil schon wieder die nächste Prüfung aufwartet. Immer wieder hört man von Lehrenden: Gerne würde ich ja die digitalen Kompetenzen stärker im Unterricht gewichten, aber die nächste Klausur und der Lehrplan machen mir einen Strich durch die Rechnung. Nicht nur in Hamburg warten beispielsweise regelmäßige Vergleichsarbeiten. Zu viele Prüfungen verhindern oftmals aber den zeitaufwändigen Einsatz digitaler Medien und eine neue Lehr- und Lernkultur kann eben häufig eher im Projektunterricht entfaltet werden als beim Pauken für die nächste Prüfung. Nicht nur am Gymnasium wird der Unterricht – abhängig vom Fach – jedoch immer wieder durch die Klausuren strukturiert. Wichtig scheint es für Lehrpersonen vor allem zu sein, die Lernenden auf die Klausuren vorzubereiten. Um diese Klausuren herum muss das Unterrichtsvorhaben geplant werden – das lernt man heute noch im Referendariat so. Es stellen sich aber nun folgende Fragen, wenn man sich wirklich auf eine neue Lern- und Lehrkultur einlassen möchte: Warum brauchen wir so viele Prüfungen? Welche Lerneffekte verspricht sich das Schulsystem von der andauernden Überprüfung?

Prüfungen auf Papier

Die Klausur an sich werde weiter mit der Hand auf Papier geschrieben, betonte die Ministerin.

In den Prüfungen warten dann Hand, Papier und Stift auf ihren Einsatz. Dabei wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, wie sich das Denken und Arbeiten durch die Digitalisierung verändern könnte. Alle, die Texte oder andere Produkte mit digitalen Medien erstellen, wissen, welche Bedeutung Copy, Paste, Löschen und Verschieben im Entstehungsprozess einnehmen. Der niedersächsische Vorschlag ist daher  inkonsequent: Tablets dürfen demnach nur für bestimmte Nachschlag- und Rechenaufgaben in Prüfungssituationen genutzt werden. Geschrieben wird an den Tablets nichts. Die Lernenden sollen digitales Schreiben im Unterricht erlernen aber dann nur mit analogen Mitteln geprüft werden – ein frustrierender Prozess für alle Parteien, bei dem die Prüflinge ihre Kompetenzen in keinster Weise zeigen können. Mehr noch: Das digitale Medium Tablet wird zum digitalen Werkzeug reduziert, obwohl die Digitalisierung doch so viel mehr umfasst, auf was Schule sich einlassen müsste. (Das führt übrigens auch zu der verrückten Situation, dass Studierende am Ende ihres Studiums mehrere handschriftliche Klausuren bestehen müssen, wo sie doch im Studium fast ausschließlich digital gearbeitet haben und kaum mehr 6h Stunden am Stück mit der Hand schreiben können)

Standardisierte Prüfungen

Die Individualisierung des Lernens ist in aller Munde. Binnendifferenzierung und Inklusion sind Schlagworte, die ähnliches meinen und die oft mit digitalen Medien zusammengedacht werden. Nun stellt sich aber die Frage, welche Auswirkungen die Individualisierung des Lernens auf die Prüfungsformen in der Schule haben sollte. Mal konsequent gedacht: Wenn Lernende individuelle Fragen stellen, individuelle Lernwege beschreiten und eigene Lernprodukte erstellen, dann kann am Ende einer Lerneinheit meiner Meinung nach eben keine standardisierte Lernüberprüfung stehen. Stattdessen müssten auch die Prüfungsformate individualisiert werden. Inwiefern das allerdings im Format einer Klausur leistbar bzw. sinnvoll ist, müsste mal hinterfragt werden. Nichtzuletzt beanstanden die Firmen ja immer mehr, dass die standardisierten Prüfungen der Schule nur eine geringe Aussagekraft über die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler haben. Letztlich wirft auch die Kompetenzorientierung immer mehr die Frage auf, ob sich Kompetenzen überhaupt standardisiert überprüfen lassen. Einem Kompetenzverständnis nach Weinert widerspricht die gleiche Klausur für alle allemal. Kompetenzraster versuchen noch irgendwie ein Mindestmaß an Standardisierung aufrecht zu erhalten. Die Frage lautet: Wie können nicht-standardisierte Prüfungen aussehen?

Nicht-Schummeln im Prüfungsmodus

Welchen Zweck erfüllen Prüfungen und Noten? Auch darüber lässt sich lange streiten. Vergleichbarkeit, Disziplinierung oder Normierung sind nur einige ihrer Funktionen. Viele Lehrpersonen fürchten beim Einsatz von Tablets in Prüfungen nun, dass geschummelt werde und die genannten Funktionen damit unterminiert würden. Das war schon beim Grafiktaschenrechner so, nur beim Tablet steigen die Möglichkeiten zu Schummeln um ein Vielfaches an. In Niedersachsen wird der Einsatz von Tablets daher nur mit einem abgesicherten Prüfungsmodus vorgeschlagen:

Mit dem Prüfungsmodus wird technisch sichergestellt, dass der Netzwerkzugriff sowie Schnittstellen zu externen Geräten unterbunden und interne Kameras sowie Mikrofone deaktiviert sind.

Wo kämen wir sonst denn auch hin? Internetzugang während der Klausur? Wo bleibt denn da die Kontrolle? Ich bin gespannt, wann es die ersten Hacks gibt, die den Lehrpersonen der Prüfungsmodus auf dem Tablet vorgauckeln während die Prüflinge munter Internetzugriff haben.

Im Prüfungsmodus

Das künstliche Heraushalten von Kompetenzen und das Beschneiden von Medien aus Prüfungssituationen wirft daher meiner Meinung nach die folgende Frage auf: Wie könnte eine Prüfung aussehen, bei der alle Lernenden Internetzugang hätten und Kompetenzen wie Kreativität und Kollaboration gefordert würden? Der in Niedersachsen vorgeschlagene Tablet-Prüfungsmodus offenbart jedenfalls unfreiwillig, wie wenig vom Internet abgekapselte Wissensüberprüfungen in die digitale Welt passen wollen. Wenn digitale Werkzeuge nur so lange genutzt werden dürfen, wie sich Prüfende in der Position des Kontrolleurs wähnen, dann wird das Wörterbuch auf dem Tablet keine neue Lernkultur einleiten sondern nur die alte Prüfungskultur weiter pflegen. Doch die Digitalisierung lehrt uns das Gegenteil: den weitreichenden Kontrollverlust – und zwar ohne Prüfungsmodus.

Wie soll das Verhältnis zwischen digitalem und analogem Schreiben aussehen?

Jetzt werden viele einwenden: Aber die Kinder müssten doch Handschrift lernen, das haptische Schreiben erfahren. oder: Die Kinder müssten doch lernen, sich vor dem Verfassen eines Prüfungstextes eine Struktur zu überlegen und nicht wild drauf los schreiben. Das sind alles Einwände, die es zu diskutieren gilt. Eine sinnvolle Frage wäre an dieser Stelle: Wie soll das Verhältnis zwischen digitalem und analogem Schreiben aussehen? Dürfen Lernende selbst entscheiden, welches Medium (Papier, Tablet, Wikipedia, YouTube etc.) sie wann und wie nutzen wollen? Mir geht es nicht darum, dass alle Lernenden nur noch mit digitalen Medien Prüfungen ablegen sollen. Stattdessen möchte ich vielmehr die Widersprüche offenlegen, die in dem aktuell diskutierten Einsatz von Tablets in Prüfungen zu Tage treten. Tablets im Prüfungsmodus werden zwar als Weg zu einer neuen Lernkultur verkauft, doch die Änderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, stellen viel grundsätzlichere Fragen.

Zeitgemäße Prüfungsformate

Letztlich sollte mehr über die Frage diskutiert werden, wie zeitgemäße Prüfungen mit digitalen Medien aussehen können und sollen. Denn eine Gefahr besteht bei aller Digitalisierung: Der Einsatz von digitalen Medien verleitet dazu, Multiple-Choice- und Quiz-Verfahren vermehrt einzusetzen (warum das keine gute Idee ist, habe ich hier angedeutet). Gleichzeitig bergen digitale Medien aber auch viele Potentiale, die sich aber nicht mit traditionellen Prüfungsformaten vereinen lassen. Die Perlen von den Säuen haben sich dazu einige gute Gedanken gemacht. Sie sprechen von Prüfungsgesprächen als Chance, von der Abkehr von Noten, von intrinsisch motivierten Facharbeiten oder Projekten mit entsprechender Anleitung, von der Bewertung des Lernprozesses, von der Selbstreflexion und der Schwierigkeit, die 4K überhaupt standardisiert zu überprüfen. Gleichzeitig beklagen sie auch die zeitfressenden und und ihren Augen oft sinnlosen Vorbereitung auf die Zentralabiturprüfungen und damit einhergehende straffe Korsette. Hier das ganze Gespräch (bis zum Ende gucken!):

Guter oder zu schlechter (weil zu kurzer) Schritt?

Doch zurück nach Niedersachsen. Christian Wettke fragte auf Twitter zu dem niedersächsischen Vorschlag:

Ich denke es ist ein schlechter (weil zu kurzer) Schritt. Man bedenke, wie viel Energie das System Schule aufbringen wird, um Tablets mit der Prüfungsmodus-Funktion anzuschaffen (seien sie eltern- oder schulfinanziert), um die Tablets vor Hacks zu sichern und zu kontrollieren, um Apps in den Prüfungs-App-Kanon aufzunehmen, etc. Die politische Diskussion deutet diese Energieverschwendung schon an. Ich denke es ist Zeit, einen Schritt weiter zu denken und digitale Medien konsequent mit zeitgemäßen Prüfungsformaten zusammen zu denken.

 

Update: Jöran Muuß-Merholz hat sich im Interview mit Micha Busch ganz ähnlich geäußert:

Ich würde die Abschlussprüfungen ändern. Das ist der größte Hebel, wenn man nur einen Wunsch frei hat. Ich würde als Grundsatz festlegen: Ein Prüfling darf in einer Prüfung alle Hilfsmittel benutzen. Alle! Die Informationen des Internets. Die Kommunikation mit Dritten. Die Zusammenarbeit mit Anderen. Wie im echten Leben! So etwas wie „Open Everything“-Prüfungen würden wirklich Kompetenzen prüfen!

(Noch eine kleine Randnotiz: Zwei Argumente, die bei keiner Diskussion digitaler Medien in der Schule fehlen dürfen, sind das der sozialen Gerechtigkeit und die Frage des Datenschutzes. Dieses mal werden sie von der GEW und dem Philologenverband vorgebracht. Demnach dürften sozioökonomisch benachteiligte Lernende nicht zusätzlich durch fehlende oder minderwertige digitale Medien abgehängt werden. Und der Datenschutz müsse natürlich gesichert werden. Dass sich dahinter allzuoft eher eine Vermeidungsstrategie jeglicher Digitalisierung versteckt, wie man sie von den Gewerkschaften leider immer wieder hört, zeigt sich, wenn sich der Vorsitzende des Philologenverbands Niedersachsen, Horst Audritz, so äußert:

Die Technik sei außerdem nur ein Hilfsmittel, die Qualität der Leistungen aber ohne dieses Hilfsmittel oft höher.

Datenschutz und soziale Gerechtigkeit – zweifelsfrei zwei nicht zu vernachlässigende Aspekte im Kontext digitalen Lernens – werden hier nur angeführt, um möglichst alles Digitale aus dem Schulsystem heraus zu halten. Digitale Medien werden zu einem Hilfsmittel verkürzt. An eine neue Lern- oder auch Schreibkultur, die mit der digitalen Technik einhergeht, ist damit gar nicht mehr denken.)

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